Behörden können auch richtig freundlich sein

Jeder trägt ja so sein Paket an Vorurteilen mit sich herum. Sie helfen uns, die Welt um uns herum einzuordnen und zu bewerten. Mein Vorurteil heißt: Behörden sind unsäglich langsam, mischen sich in alles ein und sind zum größten Teil überflüssig. Und dann passierte etwas, was partout nicht in mein Weltbild passen wollte.

Anlass war ein abgelaufener Reisepass. Es war purer Zufall, dass ich entdeckt habe, dass der seit über einem Jahr nicht mehr gültig ist. Mein Leben ist eben ruhiger geworden und ich fahre nicht mehr so oft ins Ausland. Also brauchte ich in den letzten Jahren auch keinen Pass. Aber im Herbst des Jahres steht eine Reise nach Südostasien an und dafür braucht man nun mal einen Reisepass. Glück gehabt, dachte ich mir und ging gleich daran, mich um das Thema zu kümmern.

Da ich mich von Behörden gerne fernhalte, habe ich zuerst einmal recherchiert, ob man einen Pass auch ganz einfach online beantragen kann. Kann man nicht, war nach einigen Minuten auf der Website der Hansestadt Lübeck klar. Um einen Reisepass zu beantragen oder zu verlängern, muss man höchstpersönlich vorsprechen. Und man braucht ein digitales Passbild, das genau festgelegten Kriterien entsprechen muss. Nicht zu vergessen: mittlerweile muss man auch seine Fingerabdrücke zurücklassen, denn ohne die gibt es heute keinen Pass mehr.

Immerhin konnte ich den Termin beim Passamt online buchen und bekam auch gleich eine Nummer zugeteilt. Leider war der nächste Termin erst in zwei Wochen möglich, aber das spielte für mich eigentlich keine Rolle. Üblicherweise muss man vier Wochen warten, bis der Pass fertig ist. Aber für Leute, die erst kurz vor der Reise merken, dass ihr Pass abgelaufen ist, ist es gegen einen Expressaufschlag auch in drei Tagen möglich. Das klang für mich richtig kundenfreundlich.

Kurz vor dem Termin tauchten gleich mehrere eMails in meinem Postfach auf, um mich daran zu erinnern. Auch das empfand ich für eine Behörde durchaus bemerkenswert.

Was früher das Passamt war, heißt übrigens heute Bürgerbüro und ist ein modernes Servicezentrum mitten in Lübecks Altstadt. Es war viel los an diesem Freitagmorgen – und ich stellte mit Erschrecken fest, dass ich mein Handy vergessen hatte und damit die Nummer, die auf einer großen Anzeigetafel erscheinen sollte, um mich an den richtigen Schalter zu leiten. Ich wollte schon aufgeben und wieder nach Hause fahren, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Aber dann kam mir die Idee, doch einfach mal nachzufragen, ob es nicht vielleicht auch ohne Nummer gehen würde.

Ein freundlicher junger Mann hörte sich mein Problem an und führte mich zu einem Schalter, wo man mir helfen könne. Drei Minuten später hatte ich einen Zettel in der Hand und das Problem war gelöst.

Nur mit dem Passbild-Automaten kam ich nicht klar. Wie auch? Es gab keinerlei Hinweise, wie das Ding zu benutzen sei und ich stand als durchaus technikaffiner Mensch hilflos da und hatte keine Ahnung, wie, was und warum. Der freundliche Mitarbeiter hatte wohl meine Hilflosigkeit bemerkt und klärte mich auf. Ich hätte einfach nur aufs Display tippen müssen. Alles andere war eigentlich selbsterklärend. Einen Ausdruck des Passbilds gab es nicht. „Das kann die Mitarbeiterin direkt aufrufen,“ so die Auskunft.

Auch die Mitarbeiterin erwies sich als ausgesprochen freundlich. Ein paar Fragen, eine Unterschrift und ein paar Fingerabdrücke und die Sache war erledigt. Sie bot mir an, gleich einen Termin zur Abholung des Passes zu vereinbaren, was ich dankbar tat und mich freundlich bedankte.

Sie hatte keine Ahnung, dass sie dazu beigetragen hatte, in meinem Bewusstsein ein dickes Vorurteil abgetragen zu haben. Ein Gang zum Amt war bisher etwas, was bei mir eine ganze Reihe innerer Widerstände produzierte. Aber so ist es eben mit Vorurteilen. Sie haben meist einen ganz konkreten Ursprung. Aber was gestern noch stimmte kann morgen schon ganz anders sein.

error

Interessant? Dann teile doch diesen Inhalt.

Telegram
Pinterest
fb-share-icon
WhatsApp
Follow by Email