Streit lässt sich nie ganz vermeiden, wenn zwei Menschen ein Leben teilen. Aber nicht immer geht es dabei um Grundsätzliches. Selten stehen die ganz großen Probleme im Raum. Meist sind die Gründe eher banal und man fragt sich, ob der Anlass den ganzen Zauber überhaupt wert war.
Über eine offene oder geschlossene Klobrille muss man sich nicht in die Haare geraten. Und dennoch zählen solche Themen zu den häufigsten Auseinandersetzungen unter Paaren. Menschen sind eben unterschiedlich und damit auch die Dinge, über die sie sich mächtig aufregen können. Wer eher pedantisch veranlagt ist, wird nie Ruhe finden und sich sein ganzes Leben lang über die Unzulänglichkeiten der anderen echauffieren. Genauso, wie der angeborene Chaot tausend Anlässe bietet, über die sich sein Umfeld aufregen kann.
Kannst du dich am Ende eines Streits nicht mehr daran erinnern, was eigentlich der Anlass dafür war? Dann hat sich der Streit wahrscheinlich auch nicht gelohnt und war eigentlich nur vergeudete Zeit. Hat der Streit von einem Thema zum anderen Geführt, ohne dass auch nur eines der angesprochenen Probleme wirklich gelöst wurde? Dann wurde hier zwar Dampf abgelassen, aber verändern wird sich null Komma nichts.
Am Ende des Tages ist Ende des Streits
Kluge Paare einigen sich auf ein paar Regeln, um zu vermeiden, dass ein Streit eskaliert oder nach dem Streit zwei Wochen gegenseitiges Anschweigen angesagt sind. Eine lautet zum Beispiel: Gehe nie ins Bett und drehe dem anderen den Rücken zu, um danach wortlos einzuschlafen. Mit dem Schlaf wird vermutlich ohnehin nichts, denn wenn der Kopf nicht frei ist, findet der Körper auch keine Ruhe.
Wie wäre es also mit der Vereinbarung, nie, aber wirklich nie gemeinsam ins Bett zu gehen, ohne sich vorher gegenseitig vergeben und Frieden geschlossen zu haben. Die Klärung der Schuldfrage hat nämlich noch nie ein Problem gelöst und Probleme, die schon seit Jahren ungelöst sind, lassen sich vermutlich auch an diesem Abend nicht lösen und können nur mit Toleranz aus der Welt geschafft werden.
Es gibt sogar Paare, die den Gutenachtkuss zur unantastbaren Regel gemacht haben. Das hat nämlich einen ganz entscheidenden Vorteil: Zum Küssen muss man sich gegenüber liegen. Man muss sich ins Gesicht sehen. Man muss sich wortlos zueinander bekennen. Man kann sich nicht einfach den Rücken zukehren und so tun, als würde man den Anderen abgrundtief hassen. Da liegt der Gedanke nahe, bei der Gelegenheit ganz einfach „vergessen wir es“ zu sagen und Frieden zu schließen.
Auch Streitkultur ist Kultur
Eine weitere Vereinbarung könnte lauten: Streiten ist OK, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber persönliche Beleidigungen sind ein no-go. Auch den Anderen kleinzumachen, zu beschimpfen und durch den Dreck zu ziehen steht auf der Verbotsliste. So ein Verhalten hat in einer Beziehung nichts zu suchen. Selbst wenn unterschiedliche Meinungen, Empfindungen und Gefühle aufeinanderprallen, sollte stets der gegenseitige Respekt gewahrt bleiben. Alles andere ist assoziales Verhalten, das ein Paar nie zulassen solle.
Zu einer zivilisierten Auseinandersetzung gehört auch eine betont konstruktive Streitkultur. Sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf zu werfen bringt gar nichts. Die Schwächen des Anderen in den Mittelpunkt zu stellen, trägt auch nichts zu einer Entschärfung der Situation bei. Auch die immer wieder gehörten Formulierungen im Sinne von „Aber du …“ sind nicht zielführend. Schließlich hat jeder seine Schwächen und viele davon haben eine lange Geschichte und lassen sich nicht einfach mal schnell beseitigen.
Man kann einen Partner nicht zu dem Menschen machen, den man gerne hätte. Man muss ihn akzeptierten, wie er ist und wie ihn das Leben geformt hat. Dabei gibt es bestimmt Aspekte, die man liebt und die wohl dazu geführt haben, sich genau mit diesem Menschen einzulassen. Aber es gibt eben auch Dinge, die einem mächtig auf den Geist gehen und die immer wieder den Zündstoff zu einem handfesten Streit bilden.
Hier ist die richtige Lebensphilosophie angesagt und die lautet: Betrachte als wertvoll, was du liebst und lerne zu tolerieren, was du hasst. Denn du kannst das eine nicht ohne das andre haben. Und du kannst deinen Partner nicht zu einem anderen Menschen machen, als der, der er eben ist.
Streit ist Privatsache
Nichts ist schlimmer als ein Streit, über den alle bestens informiert sind. Jeder redet darüber. Jeder hat seine Meinung und jeder glaubt, genau zu wissen, wer das Problem und wer völlig unschuldig ist. Für die Beziehung ist das Gift, denn niemand weiß wirklich, was zwischen zwei Menschen abgeht und daher sollte auch niemand Stellung beziehen.
Wer die Lösung von Problemen bei Außenstehenden sucht, hat eigentlich die eigene Beziehung längst aufgegeben. Er will sich rechtfertigen und sucht nach Bestätigung für das eigene Tun. Ein Wille zur Problemlösung sieht anders aus, denn dazu gehört auch, dass man sich auf den Anderen verlassen muss. Auf seine Loyalität. Auf seine Entschlossenheit, gemeinsame Probleme auch gemeinsam zu lösen. Auf ein starkes Wirgefühl, das auch von schwierigen Zeiten so schnell nicht in die Knie gezwungen wird.
Die eigene Beziehung sollte ein sicherer Ort sein an dem man sich geschützt fühlt und genau weiß, dass Privates privat bleibt. Intimitäten sollten diesen Ort nie verlassen und Schwierigkeiten sollten nie von Außenstehenden diskutiert werden, die die Situation ohnehin nicht wirklich beurteilen können.
Es gibt immer auch das Gute
Im Streit scheint alles schwarzweiß zu sein. Jeder hat Recht. Jeder kotzt sich aus. Jeder sagt ungeschminkt, was ihn schon lange genervt hat. Doch das Leben ist nicht schwarzweiß und kein Mensch ist nur schlecht und hat nur negative Merkmale. Deshalb sollte man besonders in strittigen Situationen auch das Gute im Anderen im Auge behalten. Schließlich gab es einmal gut Gründe, sich ganz besonders mit diesem Menschen einzulassen. Es gab Dinge, die uns fasziniert haben und es gab Eigenschaften, in die wir uns verliebt haben.
Es fällt natürlich in der aufgewühlten Stimmung eines handfesten Streits schwer, die Reset-Taste zu drücken und ganz an den Anfang zurückzukehren. Damals, als man sich noch rückhaltlos liebte. Als die Welt noch voller Pläne war. Als man sich gar nicht vorstellen konnte, jemals auseinanderzugehen.
Höre also auf, den Buchhalter zu spielen und das Gute mit dem Schlechten aufzuwiegen. Behalte stattdessen einen positiven Lebenssinn. Denn oft ist es besser, sich auf die positiven Seiten eines Menschen zu konzentrieren, anstatt ihn niederzumachen und nur die Defizite zu sehen. Vor allem dann, wenn man eigentlich nicht daran denkt, sich von einem langjährigen Partner zu trennen, sondern einfach nur sauer ist und sich über etwas geärgert hat.
